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Im Interview
Klima-Aktivistin Luisa Neubauer zu Klima, Konsum – und Kirche
»Mir hilft mein Glaube an das Gute im Menschen«



Trotz Coronakrise hat die Fridays-for-Future-Bewegung auch 2020 weitergemacht. Klimastreiks fanden oft online statt. In einem Interview erzählt die Klima-Aktivistin Luisa Neubauer, dass sie als Protestantin für ihren Kampf gegen den Klimawandel Kraft auch aus ihrem Glauben schöpft, was sie von den Kirchen erwartet und wie sie in diesem Jahr Weihnachten feiert.

Frau Neubauer, die Fridays-for-Future-Bewegung erhält auch Lob von Bischöfen. Freut Sie das?
Naja. Lob – so lieb es auch gemeint ist – ändert mit Blick auf den Klimawandel nichts an der geophysikalischen Realität und an unseren desaströsen Perspektiven. Es reicht nicht, so weiter zu machen wie bisher mit etwas mehr grünem Bewusstsein oder Lob für junge Menschen. In dem Zusammenhang ist es mir auch ein Rätsel, dass die Kirchen bei ihren Anlagen weiter in fossile Energien investieren. Das widerspricht doch dem Ziel der Bewahrung der Schöpfung. Da muss ein Umdenken stattfinden – bei allen.

Was wünschen Sie sich denn von den Kirchen?
Alle Institutionen sind gefragt, nicht nur Kirchen. Aber sie sollten sich ganz deutlich positionieren und sich stärker als politisch-gesellschaftliche Kraft verstehen, die sich für mehr Klimaschutz ausspricht. Das wäre gerade auch mit Blick auf die Bundestagswahl im kommenden Jahr wichtig. Es gibt auch schon Anfänge, etwa die Churches for Future, klare Worte von Bischöfen würden wir auf jeden Fall auch begrüßen.
Sie selbst haben auch einen christlichen Hintergrund und haben Ihr Engagement in einer Hamburger Kirchengemeinde begonnen.
Ja, ich hatte dort eine tolle Pastorin und habe als Jugendgruppenleiterin Konfirmandinnen und Konfirmanden unterrichtet. Außerdem konnte ich vor rund fünf Jahren die kirchliche Partnergemeinde in Tansania besuchen. Mit Jugendlichen dort habe ich unter anderem über die großen Fragen der Welt diskutiert. Das war eine wichtige Erfahrung, auch zu sehen, dass wir mit unserem Handeln den Unterschied machen können. Und eine der ersten Gruppen, mit der ich mich kurz vor Beginn der Klimastreiks in Berlin vernetzt habe, war die Katholische Landvolkbewegung beim Klimagipfel vor zwei Jahren in Kattowitz.

Hilft Ihnen Ihr Glaube bei Ihrem Engagement für das Klima?
Mein Glaube an das Gute in Menschen, ja daraus ziehe ich schon Kraft. Ich glaube an das Konzept der Nächstenliebe – das ist eine wichtige Grundlage für meine Arbeit.

Einige Kritiker werfen der Fridays-for-Future-Bewegung vor, dass es viele Menschen gibt, die sich einen nachhaltigen Alltag nicht leisten und etwa nicht in Bioläden einkaufen können. Was sagen Sie dazu?
Es ist leicht, die Klimakrise als eine Art Elitenthema zu diskreditieren. Das ist aber ein Fehlschluss. Wir betonen, dass die Folgen der Klimakrise zuerst diejenigen trifft, die sich am wenigsten wehren können, die vulnerabel sind und schon heute in unsicheren Verhältnissen leben. Die Klimakrise verschärft die sozialen Ungerechtigkeiten weiter, und sie trifft die ohnehin Marginalisierten überproportional. Deswegen sollten gerade diese Menschen vor den Folgen geschützt werden. So gesehen ist guter Klimaschutz etwas, das letztlich mehr Gerechtigkeit stiftet.

Das könnte man im Umkehrschluss aber auch so verstehen, dass der Einzelne gar nicht so viel tun kann, sondern die Politik handeln muss...
Natürlich kann jeder Einzelne etwas tun. Ich halte es aber für falsch, die Klimaschutzfrage auf eine Konsumfrage zu reduzieren. Zudem würde es diejenigen tatsächlich diskriminieren, die sich keinen veganen Bio-Brotaufstrich leisten können. Wir müssen uns doch immer wieder fragen, wie wir unser Verhalten in der Klimakrise verändern können und wie wir unserer Verantwortung gerecht werden. Und diese Verantwortung wiegt nun mal schwerer, je größer Macht, Einfluss und Reichweite des Einzelnen ist. Deswegen haben wir uns mit vielen anderen entschlossen, freitags für den Klimaschutz zu streiken. Damit wollen wir die Politik dahin bringen, dass sich etwas ändert. Dieses Grundbeben braucht es.

Sie sind 24 Jahre, sitzen mit Ministern in Talkshows, sprechen mit der Bundeskanzlerin und fallen ihnen auch mal ins Wort...
Die Sache ist doch die: Wir haben tatsächlich keine Zeit mehr, um den heißen Brei herumzureden. Bei allem Respekt vor der politischen Arbeit, müssen wir auch auf den Punkt kommen. Und es ist manchmal unerträglich, wie wenig fundiert die Aussagen mancher Bundesminister mit Blick auf die Klimakrise sind. Das sage ich auch als Demokratin. Ich habe auch gut reden, ich muss nicht um Stimmen werben, ich kann unbequeme Tatsachen viel unbefangener aufbringen, das gibt mir natürlich auch gewisse Freiheiten.

Braucht es ein dickes Fell, um mit Anfeindungen, die Sie ja auch erhalten, umzugehen?
Ich glaube nicht an das Konzept eines dicken Fells. Einen Großteil meiner Arbeit kann ich nur machen, weil ich es zulasse, empathisch zu sein. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass derjenige, der nachmittags Zeit hat, auf Facebook Hasskommentare abzugeben, sich mehr Sorgen um sich machen muss.

Zur Klimakrise ist in diesem Jahr die Coronakrise gekommen. Das Social Distancing hat auch Ihre Arbeit schwieriger gemacht. Wie blicken Sie auf das bevorstehende Weihnachtsfest?
Das wird sehr hart und für viele auch sehr einsam. Für mich wird es das erste Weihnachten sein, an dem wir unsere Großmutter nicht alle gemeinsam treffen. Meine Mutter ist Krankenschwester und muss über die Feiertage arbeiten. Ich werde mit meinen Geschwistern zu Hause sein. Eigentlich gehört auch der Gottesdienst für mich zu Weihnachten dazu. Aber in eine Kirche würde ich nur gehen, wenn es dort coronasicher ist. Vielleicht wird es aber auch ein Weihnachten, bei dem sich viele ganz neu auf das Wesentliche konzentrieren können, sich darüber freuen, zusammen sein zu können und die Geschenke und das ganze Drumherum nicht ganz so wichtig sind.

Interview: Birgit Wilke
Foto: Kay Nietfeld/picture alliance
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