aktuelle Doppelausgabe 31-32/2010 |
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| Palliativmedizin im Marienhospital Stuttgart |
| »Hier haben wir Zeit für den Einzelnen« |
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| Noch Anfang der 90er-Jahre wusste in Deutschland kaum jemand, was Palliativmedizin ist. Das katholische Marienhospital in Stuttgart war vor fünfzehn Jahren das erste Krankenhaus in der Region, das die nicht heilende sondern schmerzlindernde Therapie unheilbarer Krebserkrankungen angeboten hat. Heute werden auf den beiden Palliativstationen jährlich etwa 420 Kranke betreut und der Bedarf steigt. |
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| Foto: plainpicture |
Wolfgang Blum hat seine Entscheidung sehr bewusst getroffen. Sein Leben lang als Großund Außenhandelskaufmann zu arbeiten, das konnte er sich nicht vorstellen. 1996 hat er die Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht und ist seit drei Jahren Stationsleiter einer der beiden Palliativstationen im Stuttgarter Marienhospital. »Ich habe den Wechsel nie bereut«, betont der 41-Jährige, »auch wenn die Arbeit hier nicht einfach ist. Aber sie gibt mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun«. Ganz ruhig geht es zu auf seiner Station, von Hektik keine Spur. Drei bis vier Schwestern und Pfleger sind für die zehn Patienten im Einsatz – »hier kann man sich für den Einzelnen Zeit nehmen«, sagt Wolfgang Blum.
Auf der Station herrscht eine schöne Atmosphäre
Offene helle Räume, deren Fenster die Sonne hereinlassen, sorgen für eine angenehme Atmosphäre, ein Aquarium und eine gemütliche Sitzecke im Eingangsbereich laden Patienten und Angehörige ein, die Zimmer zu verlassen, und sich dort aufzuhalten. Palliativmedizin – das umfasst die Behandlung von Patienten, bei denen eine Heilung ihrer Tumorerkrankung nicht mehr möglich ist. Es geht um die Linderung unerträglicher Schmerzen, Übelkeit oder Erstickungsanfälle. Die Palliativmedizin versucht, schwerstkranken und sterbenden Menschen eine möglichst gute und lang anhaltende Lebensqualität zu sichern. Nachdenklich blättert Wolfgang Blum in einem Fotoalbum. Die Seiten sind liebevoll gestaltet, enthalten Bilder, Sprüche, Gebete und Fotos. Viele Patienten der Station tauchen in diesem Buch auf, wenn jemand etwas Schönes oder Witziges gesagt hat, wird es festgehalten und immer, wenn ein Mitarbeiter das Bedürfnis hat, kann er seine Gedanken und Sorgen in diesem Buch festhalten. »Es ist ganz wichtig, dass wir uns mit unseren Erlebnissen auseinandersetzen«, erklärt der Stationsleiter, regelmäßig finden Supervisionen statt und auch bei der großen Übergabe, die einmal in der Woche stattfindet und an der alle an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen teilnehmen, wird viel gesprochen.
»Auf unserer Station sterben etwa zehn Menschen im Monat«, sagt Wolfgang Blum, »viele sind mir über längere Zeit ans Herz gewachsen – das geht mir schon nahe!« Jeder müsse für sich einen Mittelweg finden, diese Dinge nicht zu sehr an sich heranzulassen. Der Kontakt, das Gespräch und die Unterstützung der Angehörigen spielt auf der Station eine ganz wichtige Rolle. Die Familie darf bei dem Kranken sein, solange sie will, auch nachts. Auf der Palliativstation gibt es keine Besuchszeiten. Wenn jemand verstorben ist, zündet das Pflegepersonal eine Kerze im Eingangsbereich an – wer die Station kennt, weiß Bescheid. »An solchen Tagen herrscht immer eine ganz besondere Stimmung«, bemerkt der 41-Jährige. Doch nicht nur Schwestern, Pfleger und Ärzte sind auf der Station im dritten Stock im Einsatz, sondern auch Physio-, Mal- und Musiktherapeuten. Auch sie versuchen, den Patienten die Krankheit zu erleichtern.
Eine ältere Dame darf für ein paar Tage nach Hause und freut sich sehr darauf. Allerdings liegt ihre Wohnung im fünften Stock. Mit einem Physiotherapeuten übt sie nun Stück für Stück das Treppensteigen und tastet sich jeden Tag ein wenig weiter vor. Wenn sie es wieder wenige Stufen mehr als am Vortrag geschafft hat, lächelt sie glücklich. Margarethe Schnaufer ist als Musiktherapeutin auf der Palliativstation beschäftigt. »Ich versuche, einen Zugang zu den Patienten zu bekommen und herauszufinden, was ihnen wichtig ist«, erklärt sie. Oft spürt sie relativ bald, wie sie ihnen gut tun kann: »Wenn jemand sehr schwach ist, begleite ich ihn mit einer leisen und ruhigen Melodie und stelle mich dabei auf seinen Atemrhythmus ein, ein anderes Mal mache ich mich bewusst hörbar – denn er soll wissen, dass er nicht allein ist.«
Musik zur Ablenkung und Entspannung
Mit ihrer Musik möchte die Sozialpädagogin und Musikerin für Entspannung sorgen und durch die Ablenkung Einfluss nehmen auf den Schmerz. »Ich arbeite sehr gerne hier«, sagt die 58-Jährige, »weil es eine sinnstiftende Arbeit ist«. Wolfgang Blum hat für diesen Tag Feierabend. Noch einmal schaut er bei den beiden älteren Herren vorbei, die er an diesem Tag betreut hat. Dann geht es heim zu seiner Frau und den Kindern. Es ist ein schöner Herbsttag und die Sonne scheint – ein Tag, den man nutzen muss. |
| Diana Müller |
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